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2. März 2008, 20 Uhr
Passion 2008

Robert White: Lamentations
Emilio de´Cavalieri: Lamentationes
Wolfgang Rihm:  Passionsmotetten 
Giacomo Carissimi: Jephte


Sopran-Nele Gramß
Tenor -Andreas Hirtreiter

Kammerchor St. Egidien Barock-Instrumentalisten
Leitung: Pia Praetorius

Das Neue in der Musik des frühen 17. Jahrhunderts
In diesem Konzert können Sie den Übergang von der Renaissancezeit zum Barock an drei Werken sehr plastisch hören:
Robert White’s Lamentations sind in der Hochzeit der Renaissance geschrieben und stellen ein eindrucksvolles Beispiel für die klangsinnlich fließende und kunstvoll gearbeitete Mehrstimmigkeit des 16. Jahrhunderts dar. Emilio de’ Cavalieri steht auf der Schwelle zwischen dem alten Stil der Renaissance und dem neuen Stil des Frühbarock. Er verwendet beide in seinen Lamentationes, dem ersten Werk in der Musikgeschichte überhaupt, in dem der neue Stil angewandt wurde. Giacomo Carissimi hat diesen neuen Stil weiter entwickelt und gilt als Meister der frühbarocken Formensprache.

Der angesehene Musiktheoretiker Pietro della Valle schrieb 1640 über Cavalieri: „…in Rom kannte niemand den neuen Stil bis ihn im vergangenen Jahr Emilio de’ Cavalieri von Florenz herbrachte.“ Cavalieris Lamentationes sind die frühesten überlieferten Werke im neuen Stil, der Monodie mit einem basso continuo. In den Lamentationes sind sowohl der traditionelle wie auf der neue Stil vorhanden:
Die fünfstimmigen Chöre, im traditionellen polyphonen Stil geschrieben, strukturieren das Werk durch eröffnende und beschließende Teile sowie durch die Buchstabenvertonungen. Keiner dieser Chöre enthält einen basso continuo. Im Kontrast dazu stehen die solistischen oder für wenige Stimmen geschriebenen Teile, die eine begleitende Basslinie mit Ziffern zum Aussetzen der Harmonie haben.
Das Neue war nicht, dass einzelne Stimmen zur Orgelbegleitung sangen. Dies hat man auch schon im 16. Jahrhundert praktiziert. Man nahm dafür mehrstimmig gesetzte Kompositionen und ließ eine oder zwei Stimmen daraus singen, die anderen Stimmen wurden von der Orgel gespielt oder mit anderen Instrumenten besetzt. Neu war, dass ein Komponist dies explizit als Sololiteratur notierte. Wirklich revolutionär aber ist die Behandlung der Solostimme, die den Text affektgeladener und sehr viel individueller und freier auslegen konnte. Sie war nicht mehr in einen mehrstimmigen Satz eingebunden und konnte dadurch metrisch sehr viel freier agieren.
Neu und modern sind in den Lamentationes nicht nur die verschiedenen Besetzungen – Chöre wechseln sich mit Soli ab – sondern auch die Abkehr von der ruhig dahin fließenden Polyphonie der Renaissance (wie in den Lamentationes von Robert White gut zu hören) zu einer Aufteilung in kleinere Sektionen, die oft in Stil, Besetzung und Tonalität kontrastieren. Waren in der ersten Fassung von 1599 noch wesentlich längere Abschnitte zu finden, so geht Cavalieri in der zweiten Fassung von 1600 dazu über, diese Abschnitte in noch kleinere aufzuteilen.
Diese charakteristische Struktur von kleinen kontrastierenden Abschnitten ist oft in frühbarocker Musik zu finden.
Innerhalb der solistisch vertonten Abschnitte finden sich verschiedene Stile: Eher lyrisch vertonte wechseln sich mit deklamatorisch, rezitativisch geprägten Teilen ab. Auch Chöre setzt er in den zu dieser Zeit sehr beliebten deklamatorischen Stil, auch Falsobordoni genannt, wobei sehr viel Text mehrstimmig deklamiert und mit bestimmten Kadenzen versehen wird. (Das heute bekannteste Beispiel dieses Stils ist Allegris Miserere.)

Ein wesentliches Kennzeichen des neuen Stiles war die Absicht, das Publikum mit dem Inhalt der Texte zu rühren.
Die Musik sei „Dienerin des Wortes“ (Monteverdi), durch die Musik sollten die Worte direkt in die Herzen und Seelen Menschen gelangen. Dies schien später besonders Carissimi gelungen zu sein, denn für diese Eigenschaft war seine Musik berühmt und es wurde in theoretischen Schriften der Zeit „Jephte“ als leuchtendes Beispiel genannt. Eine Besonderheit im Oratorium „Jephte“ ist die Verteilung der Rolle des Historicus – des Erzählers – auf verschiedene Stimmen und Stimmgruppen. Carissimi erreicht dadurch eine Farbigkeit des Erzählens mit unterschiedlichen Stimmungen und Charakteren.
Offensichtlich hatte sich der neue Stil zu Carissimis Zeiten noch nicht überall durchgesetzt und nach wie vor mit Widerständen zu kämpfen. So verbot Papst Alexander VII. noch 1665 den zu häufigen Einsatz von solistischer Musik im Gottesdienst.

Einhundert Jahre liegen zwischen dem Tod von Robert White und dem von Giacomo Carissimi. In diesen hundert Jahren hat sich die musikalische Welt so stark verändert, dass man von einer Neuen Welt sprechen könnte.