Daser Johannespassion


Karfreitag, 21. März 2008, 10.30 Uhr
Karfreitagsgottesdienst
Passion aus Egidier Chorbüchern aus dem 16. Jahrhundert
Ludwig Daser – Johannespassion
Predigt: Stadtdekan Michael Bammessel
Egidienchor
Leitung: Pia Praetorius


In den Egidien-Chorbüchern aus dem 16. Jahrhundert befinden sich drei Passionen. Eine davon ist die Johannespassion von Ludwig Daser. In den Chorbüchern gibt es den Vermerk, dass sie zum „sonntäglichen Gebrauch an St. Ägidien“ angeschafft wurden. Somit ist zu vermuten, dass diese Passion in Egidien bereits vor über 400 Jahren aufgeführt wurde. Da es nur drei erhaltene Passionen gibt, ist es durchaus möglich, dass sie nicht nur einmal erklang, sondern dass sie Ende des 16. Jahrhunderts DIE Egidier Passion war, die traditionell an Karfreitag gesungen wurde. Nun erklingt sie nach über 400 Jahren wieder in Egidien. Wir sind gespannt.
 Ludwig Daser ist unter den Komponisten des 16. Jahrhunderts heute weitgehend unbekannt. Zu seiner Zeit galt er dagegen als herausragender Meister und Virtuose, man verglich ihn mit Josquin, Clemens non Papa und Orlando di Lasso. Selbst wenn man die offenkundig etwas übertreibenden Lobeshymnen seiner Zeitgenossen ein wenig zurücknimmt, bleibt erkennbar, wie sehr Daser damals geschätzt wurde. Vermutlich überschattet die Bedeutung des herausragenden Orlando di Lasso jede Beschäftigung mit dem Mann, der seinerzeit dessen Amtsvorgänger gewesen war.
Um 1526 geboren, war Daser nur wenige Jahre älter als Lasso. Seine Laufbahn verlief freilich zunächst wesentlich unspektakulärer, ja regelrecht geradlinig bis zu dem Zeitpunkt, als Lasso in München erschien. Daser, bereits als Knabe in der Münchener Hofkapelle als Sänger mitwirkend,  leitete seit 1652 die Münchener Hofkapelle. Ihm zur Seite stand der überaus eifrige Komponist Mattheus Le Maistre. Als dieser 1554 München verließ, um an den protestantischen Hof des Kurfürsten von Sachsen zu ziehen, konnte Daser zeigen, dass er neben dirigentischen auch kompositorische Qualitäten besaß. Herzog Albrechts Leidenschaft war die aktuelle Mode der Kammermusik, d. h. Lieder, Chansons, Madrigale und natürlich auch Motetten nach neuester Art. In diesem Bereich mit durchaus internationalem Anspruch schien ihm Daser wohl zu wenig erfahren. Letzterem ließ man also den kompletten Kirchenmusikbereich und engagierte für die Kammermusik den jungen Orlando di Lasso, der nun die modernste Musik aus Italien und den Niederlanden an die Isar brachte. Bereits 1562 ließ sich Lasso bei der Krönung Maximilians II. zum deutschen König als der berühmteste Komponist seiner Zeit feiern. Außerhalb Münchens hielt man ihn längst schon für den Leiter des Münchner Ensembles, was er de jure zu der Zeit nicht gewesen ist. Möglicherweise hat er aber Ludwig Daser damals als Kapellmeister vertreten, denn dieser scheint schwer erkrankt gewesen zu sein, womöglich rang er sogar mit dem Leben. Wider alle Erwartungen erholte sich Daser in den folgenden Jahren, konnte aber seine 1563 erfolgte Frühpensionierung nicht mehr rückgängig machen lassen.
Da fügte es sich glücklich, dass 1571 der württembergische Herzog Ludwig einen neuen Kantor benötigte. Schon im Jahr darauf zog Daser nach Stuttgart. Unter seiner Leitung entwickelte sich die dortige Kapelle prächtig und wurde nach und nach von anfänglich 32 Mitgliedern auf 45 im Jahre 1585 vergrößert. 1578 veröffentlichte er in München seine „Passionis Domini nostris“ bei Adam Berg. Friedrich Lindner erwarb für Egidien einen Band und ließ Dasers Passion zusammen mit Kompositionen von Orlando di Lasso zu einem großen Chorbuch binden und fügte sie der bereits bestehenden Sammlung hinzu. 1589 starb Ludwig Daser  in Stuttgart.